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title: "Europa und Open Source: eine späte Strategie zur Bewältigung eines strategischen Schiffbruchs"
subtitle: "Das Eingeständnis einer nunmehr anerkannten technologischen Abhängigkeit, die fünfzehn Jahre zu spät kommt"
meta_title: "Europa und Open Source: späte Strategie gegen die Abhängigkeit"
meta_description: "Die EU gesteht ihre technologische Abhängigkeit ein und startet 2026 eine Open-Source-Strategie, fünfzehn Jahre zu spät und voller Widersprüche."
date: 2026-01-13
author: JAS
theme: "Digitale Souveränität"
keywords: ["Open Source", "digitale Souveränität", "Europäische Union", "technologische Abhängigkeit", "freie Software"]
image: https://ik.imagekit.io/l2lkwahet/199A/europe-open-source-strategie-tardive-souverainete-numerique.jpg?updatedAt=1774005693026
slug: europa-und-open-source-spaete-strategie-strategischer-schiffbruch
status: published
faq: [{"q":"Was hat die Europäische Kommission Anfang 2026 im Bereich Open Source angekündigt?","a":"Die Europäische Union hat Anfang 2026 eine öffentliche Konsultation eröffnet, um eine gemeinsame Strategie rund um offene digitale Ökosysteme und Open Source aufzubauen. Erklärtes Ziel ist es, die technologische Abhängigkeit von außereuropäischen Akteuren zu verringern, die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen zu stärken, die Cybersicherheit zu verbessern und einen tragfähigen industriellen Rahmen rund um Open Source zu strukturieren."},{"q":"Warum wird diese Strategie als spät und als Eingeständnis eines strategischen Schiffbruchs bezeichnet?","a":"Open Source bildet heute die faktische Softwareinfrastruktur der Weltwirtschaft, denn zwischen 70 und 90 % des in kritischen Systemen verwendeten Codes stützen sich auf offene Bausteine. Europa nutzt diese massiv, beherrscht aber weder die Wertabschöpfung noch die industrielle Governance noch die strategische Richtung. Die Kommission formalisiert damit nur einen Abhängigkeitszustand, den ernsthafte IT-Leitungen seit über fünfzehn Jahren täglich erleben."},{"q":"Was hat die frühere Open-Source-Strategie der Kommission von 2020 bis 2023 bewirkt?","a":"Die interne Strategie von 2020 bis 2023 war auf die Nutzung und den Beitrag zu freier Software innerhalb der eigenen Dienste ausgerichtet, mit Open-Source-Büro, Förderung von Inner Source, Veröffentlichung von Code und Sicherheitsempfehlungen. Auf technischer Ebene war das Dokument kohärent, auf systemischer Ebene jedoch bedeutungslos. Es veränderte die Marktstruktur nicht, löste keinen industriellen Schock aus und stellte die Dominanz der großen proprietären Anbieter bei öffentlichen und privaten Ausschreibungen nicht infrage."},{"q":"Welche Rolle spielen europäische Entwickler und Talente in dieser Analyse?","a":"Europa verfügt über zahlreiche hochqualifizierte Entwickler, Architekten, Maintainer, Forscher und Ingenieure, das Problem ist also kein Kompetenzdefizit. Der Mythos des Fachkräftemangels verdeckt vor allem das Fehlen eines strukturierten wirtschaftlichen Sogs. Die Talente sind vorhanden, aber im europäischen industriellen Maßstab nicht einsetzbar, weil dominierende Geschäftsmodelle weiterhin proprietäre Lösungen, Untervergabe an ausländische Hyperscaler und vertragliche Abhängigkeit begünstigen."},{"q":"Welcher politische Widerspruch wird in dem Artikel hervorgehoben?","a":"Die Europäische Union behauptet, Open Source, Transparenz und Softwaresicherheit fördern zu wollen, treibt parallel aber Projekte wie die sogenannte Chat-Control-Verordnung voran. Dieser Text führt unter dem Deckmantel der Bekämpfung schwerer Straftaten Mechanismen der automatisierten Kommunikationsüberwachung ein, die die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und die Prinzipien der Softwaresicherheit frontal infrage stellen. Man kann nicht zugleich überprüfbare, auditierte und sichere Systeme befürworten und Kontrollarchitekturen aufzwingen, die die kryptografischen Grundlagen bewusst schwächen."},{"q":"Wie kann 199A Consulting ein Unternehmen dabei unterstützen, das Thema Open Source und digitale Souveränität strategisch zu rahmen und operativ umzusetzen?","a":"199A Consulting begleitet Organisationen als vertrauensvoller Partner bei der strategischen Rahmung (Audit, Governance, Risiken) und bei der Umsetzung (Architektur, Aufbau, Integration, Schulung). Mit über 20 Jahren Erfahrung verbindet das Unternehmen IT by design mit digitaler Souveränität und hilft Entscheidungsträgern, kritische Kompetenzen zu internalisieren, Beschaffungspolitiken zu überarbeiten und Open Source als strategisches Gut zu steuern, statt auf institutionelle Lösungen zu warten. Kontakt: business@199a.agency"}]
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### **Europa: ein Plan für Open Source, oder das späte Eingeständnis eines strategischen Schiffbruchs**

Die Europäische Union hat Anfang 2026 eine öffentliche Konsultation eröffnet, um eine gemeinsame Strategie rund um offene digitale Ökosysteme und Open Source aufzubauen. Das erklärte Ziel wird nun offen eingestanden: die technologische Abhängigkeit von außereuropäischen Akteuren zu verringern, die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen zu stärken, die Cybersicherheit zu verbessern und einen tragfähigen industriellen Rahmen rund um Open Source zu strukturieren (Europäische Kommission, *Call for Evidence on Open Source Digital Ecosystems*, Januar 2026).

Die Feststellung ist richtig. Sie ist auch furchtbar spät. Open Source bildet heute die faktische Softwareinfrastruktur der Weltwirtschaft. Zwischen 70 und 90 % des in kritischen Systemen (Cloud, Telekommunikation, Finanzen, Industrie, Gesundheit) verwendeten Codes stützen sich auf offene Bausteine.   
Europa nutzt sie massiv, beherrscht aber weder die Wertabschöpfung noch die industrielle Governance noch die strategische Richtung.   
Die Kommission formalisiert hier nur einen Abhängigkeitszustand, den ernsthafte IT-Leitungen seit über fünfzehn Jahren täglich erleben.

Das muss klar gesagt werden: **Diese Strategie entsteht aus der Not**, unter Zwang und nicht aus Vision.

Die Kommission ist dabei nicht bei ihrem ersten Text. Sie verfügte bereits über eine interne Open-Source-Strategie (2020-2023), die auf die Nutzung und den Beitrag zu freier Software innerhalb ihrer eigenen Dienste ausgerichtet war. Open-Source-Büro, Förderung von Inner Source, Veröffentlichung von Code, Sicherheitsempfehlungen: Auf technischer Ebene war das Dokument kohärent.   
Auf systemischer Ebene war es bedeutungslos.   
Nichts, was die Marktstruktur wirklich verändert hätte, nichts, was einen industriellen Schock ausgelöst hätte, nichts, was die Dominanz der großen proprietären Anbieter bei öffentlichen und privaten Ausschreibungen infrage gestellt hätte.

Die Konsultation von 2026 markiert daher einen Maßstabswechsel, zumindest in der Absicht. Sie will ausdrücklich den gesamten Lebenszyklus von Open Source abdecken: Entwicklung, Wartung, Sicherheit, industrielle Integration, Geschäftsmodelle und Verzahnung mit den übrigen europäischen Texten zu Cloud und KI.   
Das Problem ist nicht, was geschrieben steht.   
Das Problem ist, was jahrzehntelang toleriert wurde, bevor es dazu kam.

Denn diese Lage ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer strukturellen Bösgläubigkeit der öffentlichen Entscheidungsträger und einer dauerhaften Nachsicht gegenüber dominierenden, im Wesentlichen amerikanischen Anbietern. Microsoft, Broadcom, Oracle, Amazon und Konsorten gediehen auf einem Doppeldiskurs, der von Europa vollkommen akzeptiert wurde: einerseits die **massive Ausbeutung von Open Source** als technisches Fundament; andererseits eine totale Abschöpfung des wirtschaftlichen Werts, der **Governance und der Standards** durch proprietäre Plattformen.

An Warnungen hat es nie gefehlt. Sie wurden einfach ignoriert. Projekte souveräner Systeme, staatliche Linux-Initiativen, Versuche, europäische Clouds oder industrielle Open-Source-Stacks zu strukturieren, wurden **als ideologische Marotten abgetan,** nie als strategische Investitionen.   
Zu komplex, zu riskant, nicht ausreichend an kurzfristigen Interessen ausgerichtet.   
Ergebnis: eine tiefe, hingenommene und nun offiziell anerkannte Abhängigkeit... als es keine wirklich operative Alternative mehr gibt.

Was den aktuellen Diskurs besonders irritierend macht, ist, dass das Problem kein Kompetenzdefizit ist. **Europa strotzt vor Entwicklern,** Architekten, Maintainern, Forschern und Ingenieuren höchster Qualifikation. Die Frage ist heute nicht einmal mehr, was ein Entwickler ist: Er ist ein Schlüsselakteur der digitalen Wertschöpfungskette, ein Infrastrukturproduzent, ein Garant der Betriebssicherheit.   
Der Mythos des Fachkräftemangels dient vor allem dazu, eine andere Realität zu verdecken: das Fehlen eines strukturierten wirtschaftlichen Sogs.

Die Talente sind da, aber sie sind im europäischen industriellen Maßstab nicht einsetzbar, weil die dominierenden Geschäftsmodelle weiterhin die Integration proprietärer Lösungen, die **Untervergabe** an ausländische Hyperscaler und die langfristige **vertragliche Abhängigkeit** begünstigen. Weiter „wie immer“ zu machen, ist genau das, was in die aktuelle Sackgasse geführt hat.   
Zu glauben, dass europäisches Open Source ohne kulturellen Bruch, ohne aggressive öffentliche Beschaffungspolitik, ohne massive Finanzierung und ohne Forderung nach industrieller Gegenseitigkeit entstehen wird, ist **magisches Denken**.   
Im besten Fall, wenn jetzt ein Schock eintritt, werden die strukturellen Effekte erst in einem Jahrzehnt sichtbar.

Zu dieser wirtschaftlichen Inkohärenz kommt ein **großer politischer Widerspruch**. Die Europäische Union behauptet, Open Source, Transparenz und Softwaresicherheit fördern zu wollen, treibt parallel aber Projekte wie die sogenannte „Chat-Control“-Verordnung voran. Dieser Text führt unter dem Deckmantel der Bekämpfung schwerer Straftaten Mechanismen der automatisierten Kommunikationsüberwachung ein, die die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und genau jene Prinzipien der Softwaresicherheit frontal infrage stellen, die Open Source verteidigt. Man kann nicht in derselben Bewegung **überprüfbare Systeme** befürworten, auditierte, sichere Systeme, und Kontrollarchitekturen aufzwingen, die die kryptografischen Grundlagen bewusst schwächen.

Für eine IT-Leitung oder ein COMEX ist die Botschaft glasklar und unbequem.   
**Man darf nicht darauf warten, dass Europa das Problem an Ihrer Stelle löst.**   
Die angekündigte Strategie kann als Rahmen dienen, eventuell als Hebel, doch sie wird nur Wirkung entfalten, wenn die Unternehmen ihre Verantwortung übernehmen. Das bedeutet, kritische Kompetenzen zu internalisieren, wirklich zu strukturierenden Open-Source-Projekten beizutragen, Beschaffungspolitiken zu überarbeiten und anzuerkennen, dass Open Source kein Mittel zur Senkung von Lizenzkosten ist, sondern ein strategisches Gut, das gelenkt werden muss.

Europa hat schließlich eingestanden, sich selbst in eine Situation **gefährlicher technologischer Abhängigkeit** gebracht zu haben. Der Plan existiert nun auf dem Papier. Er ist spät, unvollkommen und politisch widersprüchlich. Aber er markiert zumindest das Ende einer Verleugnung.   
Was folgt, hängt von einer einzigen Sache ab: der Fähigkeit der wirtschaftlichen und technischen Entscheidungsträger, aufzuhören, auf institutionelle Lösungen zu warten, und schon jetzt eine echte industrielle Open-Source-Souveränität aufzubauen. 

Ohne das wird diese Strategie in die lange Liste kluger und folgenloser Texte eingehen.

## **Quellen**

\[1\] Europäische Kommission, Commission opens a Call for Evidence on Open Source Digital Ecosystems, Januar 2026
<a href="https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/news/commission-opens-call-evidence-open-source-digital-ecosystems" target="_blank">https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/news/commission-opens-call-evidence-open-source-digital-ecosystems</a>

\[2\] Europäische Kommission, Open Source Software Strategy 2020–2023
<a href="https://commission.europa.eu/system/files/2023-02/fr_ec_open_source_strategy_2020-2023.pdf" target="_blank">https://commission.europa.eu/system/files/2023-02/fr_ec_open_source_strategy_2020-2023.pdf</a>

\[3\] Open Source Observatory (OSOR), Europe seeking input for its open source strategy
<a href="https://interoperable-europe.ec.europa.eu/collection/open-source-observatory-osor/news/europe-seeking-input-its-open-source-strategy" target="_blank">https://interoperable-europe.ec.europa.eu/collection/open-source-observatory-osor/news/europe-seeking-input-its-open-source-strategy</a>

\[4\] Help Net Security, EU call for evidence on open source ecosystems, Januar 2026
<a href="https://www.helpnetsecurity.com/2026/01/09/eu-call-for-evidence-open-source/" target="_blank">https://www.helpnetsecurity.com/2026/01/09/eu-call-for-evidence-open-source/</a>

\[5\] ItsFOSS, EU Open Source Strategy Call 2026
<a href="https://itsfoss.com/news/eu-open-source-strategy-call-2026/" target="_blank">https://itsfoss.com/news/eu-open-source-strategy-call-2026/</a>

\[6\] Linux Foundation, Research on open source software supply chain and usage
<a href="https://www.linuxfoundation.org/research" target="_blank">https://www.linuxfoundation.org/research</a>

\[7\] Synopsys, Open Source Security and Risk Analysis (OSSRA)
<a href="https://www.synopsys.com/software-integrity/resources/analyst-reports/open-source-security-risk-analysis.html" target="_blank">https://www.synopsys.com/software-integrity/resources/analyst-reports/open-source-security-risk-analysis.html</a>

\[8\] OpenForum Europe, EU Open Source Policy Summit
<a href="https://openforumeurope.org" target="_blank">https://openforumeurope.org</a>

\[9\] EU Open Source Policy Summit 2026, offizielle Website
<a href="https://summit.openforumeurope.org" target="_blank">https://summit.openforumeurope.org</a>

\[10\] Electronic Frontier Foundation, After Years of Controversy, the EU's "Chat Control" Nears Its Final Hurdle
<a href="https://www.eff.org/deeplinks/2025/12/after-years-controversy-eus-chat-control-nears-its-final-hurdle-what-know" target="_blank">https://www.eff.org/deeplinks/2025/12/after-years-controversy-eus-chat-control-nears-its-final-hurdle-what-know</a>

\[11\] European Data Protection Board, Guidance and opinions on encryption and privacy
<a href="https://www.edpb.europa.eu" target="_blank">https://www.edpb.europa.eu</a>

\[12\] ENISA, Cybersecurity, open source and software supply chain risk
<a href="https://www.enisa.europa.eu" target="_blank">https://www.enisa.europa.eu</a>

\[13\] Europäische Kommission, Europe's Digital Decade: digital sovereignty policies
<a href="https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/europes-digital-decade" target="_blank">https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/europes-digital-decade</a>

\[14\] Europäische Kommission, Cloud and AI policy framework
<a href="https://digital-strategy.ec.europa.eu" target="_blank">https://digital-strategy.ec.europa.eu</a>